Kratzers provokante Staatsoper-Premiere spaltet Hamburgs Publikum zwischen Buhrufen und Jubel
Frida StiebitzKratzers provokante Staatsoper-Premiere spaltet Hamburgs Publikum zwischen Buhrufen und Jubel
Tobias Kratzers erste Inszenierung als neuer Intendant der Hamburger Staatsoper sorgt für Kontroversen und Begeisterung
Mit seiner mutigen Neuinterpretation von Das Paradies und die Peri setzt Tobias Kratzer als frisch berufener Intendant der Hamburger Staatsoper von Anfang an auf Provokation – eine Mischung aus moderner Politik und klassischer Musik, die das Publikum spaltet. Bei der Premiere gab es sowohl Buhrufe als auch begeisterten Applaus für die kühne Regiearbeit.
Die Aufführung begann mit einem eindrucksvollen Bild: Vera-Lotte Boecker in der Rolle der Peri kletterte über die Zuschauerreihen und setzte sich neben einen weinenden Mann. Diese Szene stand symbolisch für Empathie, die Grenzen überwindet – ein zentrales Motiv in Kratzers Deutung. Im weiteren Verlauf der Inszenierung traten zeitgenössische Figuren auf, die in einen von einem weißen Mann angezettelten Krieg verwickelt sind – eine deutliche Anspielung auf aktuelle Machtkämpfe.
Kratzer scheute sich nicht vor drastischen Bildern. Die Ermordung des Jünglings, traditionell eine passive Figur, wurde als kollektiver Akt dargestellt, bei dem Peri mit Bühnenblut getränkte weiße Kleidung trug. Der sterbende Jüngling erschien als schwarzer Mann, der sich trotzig gegen den Anführer auflehnt – ein starkes Zeichen des Widerstands. Im dritten Teil von Schumanns Oratorium rückte schließlich die Klimakrise in den Fokus: Kinder spielten unter einer von Plastikmüll verschmutzten Kuppel.
Der Regisseur brach zudem die vierte Wand, indem er Kameras einsetzte, die über das Publikum schwenkten und dessen Reaktionen auf die Bühne projizierten. Diese Technik verwischte die Grenze zwischen Darstellern und Zuschauern und fügte eine weitere Ebene der Reflexion hinzu. Trotz vereinzelter Störaktionen – ein Zuschauer rief "Buh!" und verließ den Saal – endete die Vorstellung mit überwiegender, jubelnder Zustimmung.
Kratzers Ansatz spiegelt seine langfristigen Pläne für das Opernhaus wider. Seit seinem Amtsantritt hat er innovative Formate eingeführt, etwa die Kombination von Schumanns Frauenliebe und -leben als Prolog mit Bartóks Herzog Blaubarts Burg und Zemlinskys Florentinische Tragödie, um gesellschaftliche Rollenbilder über die Epochen hinweg zu erkunden. Selten aufgeführte Werke wie Ruslan und Ljudmila sowie Uraufführungen wie Monster's Paradise bereichern sein Programm. Die Einbindung des Publikums steht dabei im Mittelpunkt – ab März 2026 sind etwa Nachgespräche und kleine Aufmerksamkeit wie Sawade-Pralinen geplant.
Für die Zukunft will Kratzer die Hamburger Staatsoper noch stärker für die Stadtbevölkerung öffnen. Geplante Produktionen wie eine Neuinszenierung von Pique Dame, die sich mit Besessenheit und gesellschaftlichen Gräben auseinandersetzt, unterstreichen dieses Vorhaben.
Die Premiere von Das Paradies und die Peri markiert einen provokanten Auftakt von Kratzers Intendanz. Mit modernen Themen, direkter Publikumseinbindung und schonungslosen Bildern setzt er ein klares Zeichen für kommende Inszenierungen. Die gespaltenen Reaktionen deuten darauf hin, dass seine Arbeit weiterhin diskutiert werden wird – doch die überwiegende Begeisterung lässt eine neue Ära für die Hamburger Staatsoper erahnen.






