Zikaden-Plage zwingt Bauern in den Pestizid-Teufelskreis – doch wer zahlt den Preis?
Claudius KeudelZikaden-Plage zwingt Bauern in den Pestizid-Teufelskreis – doch wer zahlt den Preis?
Ein winziges Insekt verändert die Debatte über den Pestizideinsatz in Deutschland grundlegend: die Schilf-Glasflügelzikade. Wegen des Schädlings werden immer wieder Notfallzulassungen für Neonikotinoide erteilt – Chemikalien, die als schädlich für Bestäuber bekannt sind. Gleichzeitig warnen Landwirte, dass ohne diese Pestizide wichtige Kulturen wie Zuckerrüben und Kartoffeln massive Ernteausfälle drohen.
Vor diesem Hintergrund kämpft Wenke Dargel, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Linken, im Vorfeld der anstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt für ihre Positionen. Die Frage spaltet auch den Deutschen Bauernverband, der mit den Folgen des "Wirkstoffverlusts" in den Pflanzenschutzverordnungen ringt.
Die Schilf-Glasflügelzikade (Hyalesthes obsoleta) hat sich zu einer hartnäckigen Bedrohung für die deutsche Landwirtschaft entwickelt. Die adulten Tiere wandern in Rüben-, Kartoffel- und Gemüsefelder ein und verbreiten dort Pflanzenerreger, die die Erntequalität mindern. Da sich diese Krankheiten nicht direkt bekämpfen lassen, sind Landwirte auf chemische Behandlungen angewiesen, um ihre Erträge zu stabilisieren und wirtschaftliche Verluste abzuwenden.
Neonikotinoide, das Hauptmittel gegen den Schädling, erhalten seit Jahren immer wieder Notfallgenehmigungen. Doch diese Chemikalien wirken nicht nur gegen die Zikaden – sie verunreinigen auch Pollen und Nektar und gefährden so Bestäuber wie Bienen. Kritiker argumentieren, dass das aktuelle System einen Teufelskreis aufrechterhält: Der chemische Pflanzenschutz stützt ein Landwirtschaftsmodell, das durch Monokulturen und enge Fruchtfolgen die Felder erst anfälliger für Schädlinge macht.
Joachim Rukwied, Präsident des Deutschen Bauernverbandes (DBV), warnt, dass ein Verzicht auf diese Pestizide den Anbau bestimmter Grundnahrungsmittel in Deutschland unmöglich machen könnte. Alternativen wie längere Fruchtfolgen oder Mischkulturen gibt es zwar, doch sie lassen sich nur schwer in globale Lieferketten und standardisierte Verarbeitungsprozesse integrieren.
Die Diskussion hat längst die Politik erreicht. In Sachsen-Anhalt macht Wenke Dargel von der Linken im Wahlkampf die Spannungen zwischen Umweltschutz und landwirtschaftlicher Produktivität zum Thema. Der Bauernverband hingegen wehrt sich weiterhin gegen strengere Auflagen und betont, dass der Verlust wichtiger Wirkstoffe den Landwirten kaum noch Handlungsoptionen lässt.
Die Ausbreitung der Schilf-Glasflügelzikade hat die Landwirte in eine Abhängigkeit von Neonikotinoiden getrieben – trotz der bekannten ökologischen Risiken. Notfallzulassungen für Pestizide bleiben die Regel, während langfristige Lösungen mit den Praktiken der industriellen Landwirtschaft kollidieren. Mit den bevorstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt wird der Streit um die Pflanzenschutzpolitik sowohl die Agrarpolitik als auch die Wahlkämpfe prägen.






